Günther Anders - Die beweinte Zukunft
Frappierende Parallelität zwischen Erzählungen der Noah-Geschichte durch
Arche Noah for Future und einem Text von
Günther Anders
Philosoph und Schriftsteller (1902–1992)
Bild: Marko Blazevic, unsplash
Einer der bedeutendsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts, Günther Anders (1902–1992), hat in der Erzählung „Die beweinte Zukunft" die biblische Geschichte von Noah und der Sintflut vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der damit verbundenen, anhaltenden, atomaren Aufrüstung zwischen Ost und West erzählt. Günther Anders warnt mit der Geschichte vor dem drohenden nuklearen Holocaust.
Im Vergleich zum Original spielt Noahs Familie hier nur am Rande eine Rolle, denn Anders' Noah plant, seine gesamten Mitbürger mitzunehmen, und hat zu diesem Zweck in jahrelanger Arbeit eine stolze Flotte von hundert Archen entworfen. Doch unabhängig aller Mühen Noahs und seiner Warnungen zum Trotz schafft er es nicht, seine Mitmenschen von der drohenden Gefahr zu überzeugen. In der Folge zerreißt er die Pläne und wirft sie seinem Gotte hin.
Anders gilt im Übrigen heute als einer der Mitbegründer der internationalen Anti-Atomkraft-Bewegung, die sich im Laufe der 70er Jahre formierte.
In Anders' Erzählung hat Gott den Wunsch geäußert, dass alle Menschen, und sei es am Vorabend der Apokalypse, sich selbst erretten mögen. Noah ist hier also kein auserwählter Einzelner, der sich rettet, während alle anderen untergehen — er kämpft verzweifelt darum, die gesamte Menschheit zum Handeln zu bewegen. Anders war tief überzeugt davon, dass die Menschheit unfähig ist, die von ihr selbst geschaffenen Bedrohungen emotional und moralisch wirklich zu begreifen — ein Phänomen, das er als „Antiquiertheit des Menschen" beschrieb. Die Noah-Parabel soll die Ohnmacht des Mahners auf eindrückliche Weise veranschaulichen.
Einer der bedeutendsten Literaten des 20. Jhdts, Günther Anders, legte zur Thematisierung des in seiner Epoche drohenden atomaren Infernos eine Erzählung der Geschichte von Noah und der Sintflut vor, die in frappierender Analogie steht zu der von Arche Noah for Future.
Die Parallelen von Andres' Parabel und Arche Noah for Future sind tatsächlich frappierend.
Die beeindruckende Analogie beider Varianten der Geschichte besteht in ihrem jeweiligen Bezug zu der Zeit, in der sie entstanden sind:
In Anders' Epoche geht es um die ungenügend beachtete nüchterne, wohl begründete Mahnung vor dem Ende allen menschlichen Seins durch die Menschheit selbst, bzw. durch die Atombombe. Wenn nicht jeder Mensch auf unserer Erde den Schrecken wenigsten versucht zu begreifen, den die Atombombe, bzw. die Atomkraft vermag über uns zu bringen, so ist es nur eine Frage der Zeit, wie lange “das letzte Zeitalter der Menschheit”, das Atomzeitalter, dauern wird. Anders widmete sich der den Ursachen der “Apokalypseblindheit” besonders stark und grundlegend in seinen Essays. Die Erzählung endet mit der Rekrutierung von Helfern, die Einfluss auf das Überleben der Menschheit nehmen wollen und dem Beginn des Baus der Arche.
In unserer heutigen Epoche geht es darum, dass diese Welt vom Kollaps der Erdsysteme bedroht ist und eine Flut des biblischen Ausmaßes in den Bereich des Möglichen rückt. Die Flut in der Geschichte können wir deuten als die Gewalt unter den Menschen und die Zerstörung durch die Menschen. Und sie bedroht nicht nur andere Menschen, sondern bedroht die ganze Schöpfung, alles was lebt. Die Arche Noah ist das Gefährt, das jenen, die in sie einsteigen, den Weg aus dem Kollapsgeschehen ermöglicht. Und auch Arche Noah for Future geht es darum, Menschen in Gemienden zu finden, die sich bereit finden, ihr Arche und insgesamt hundert Archen zu bauen.
Die strukturelle Übereinstimmung geht noch weiter:
Bei Anders wie bei Arche Noah for Future geht es nicht um die Rettung einer kleinen Auserwähltengruppe, die sich absetzt, während der Rest untergeht — sondern um den Versuch, alle mitzunehmen. Noahs hundert Archen statt einer einzigen sind ein starkes Bild für genau das, was wir als "dezentralen Wandel" beschreiben in Form der hundert "Arche-Gemeinden".
Und das Phänomen der Verdrängungsgesellschaft, das wir ansprechen, ist schon bei Anders philosophisch benannt. Er sprach von der sogenannten "Apokalypseblindheit" — der Unfähigkeit der Menschen, Katastrophen, die sie selbst verursachen, emotional wirklich zu fassen. Das ist im Kern dasselbe wie unser Begriff "Verdrängungsgesellschaft".
Auch die Parallelität der Beschreibung des handelnden Noah ist frappierend:
In Arche Noah for Future-Lesart ist Noah ein aktiv Handelnder, der den Ruf und die Verzweiflung Gottes verstanden hat und so handelt, was wir - neutestamentlich gesprochen - unter Nachfolge (Jesu) verstehen.
In Anders' Erzählung handelt Noah, in dem er das Bild der sicheren Apokalypse durch die Atomkraft zeichnet und sich für diesen Zweck an seine Mitmenschen wendet und sie über die Aufführung eines dramatisch/philosophischen Theaterstücks zu erreichen versucht.
Besonders hervorzuheben ist auch der Zusammenhang von Günther Anders' Apokalypseblindheit mit Bonhoeffers "billiger Gnade". Das ist eine sehr tiefe theologische Verbindung: Beide beschreiben im Grunde dasselbe Phänomen auf verschiedenen Ebenen — Anders philosophisch-soziologisch, Bonhoeffer theologisch. Die Menschen wollen gerettet werden, ohne den Preis zu zahlen. Der eine nennt es Verdrängung, der andere billige Gnade. In den Dokumenten, die die Konzeption von Arche Noah for Future grundlegen, wird auf den Zusammenhang mit Bonhoeffers Gnadentheologie besonders eingegangen hier und im Leit- und Sinnbild
Und es hat fast etwas von einem glücklichen Zeichen, dass das Arche Noah for Future-Motto "Anders leben lernen, damit alle leben können" den Namen Anders buchstäblich in sich trägt. Das hat fast etwas von einem glücklichen Zeichen.
Eine zusammenfassende Beschreibung der Erzählung findet sich in http://www.dachstuhl-philosoph.de/?p=169.
Parallelen von Andres' Parabel und Erzählung von Arche Noah for Future
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